Dennis Deep

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Es ist leicht, sich über József Szájer lustig zu machen. Als Fideszmitglied (die proto-faschistische Partei in Ungarn) unterstützt er LGBTIQ-Hass und wird in einer schwulen Gang-Bang-Party in Brüssel erwischt, beim Versuch durch das Fenster zu fliehen, mit Drogen an sich. Mit Verstoß gegen die Brüssler Covid-Auflagen.

Es gibt eine lange Geschichte von Schwulen, die ihre Gefühle unterdrücken und versuchen in einer heteronormativen Welt zu leben. Und um zu beweisen, wie hetero sie sind, anfangen Schwule zu dissen. Und auch rechte homosexuelle Politiker*innen, die offen Politik gegen Homosexuelle machen, gibt es ziemlich häufig. Ein Stück weit tun mir diese Menschen leid. Warum?

Ich bin auf einem Bauernhof in Ostdeutschland aufgewachsen. Eine Gegend, die immer noch eher nicht so “open minded” ist, was Sexualität angeht. Einige Zeit habe ich selbst versucht möglichst “hetero” zu wirken - und das ging am besten, in dem ich andere Schwule beschimpfe.
Dieses “auf Schwule schimpfen, um selbst als hetero zu gelten” ist die gängige Erklärung für dieses Verhalten.

Aber da gehört noch mehr zu. Es ist oft auch Neid. Neid auf die, die ihre Sexualität offen ausleben. Neid auf die, die stolz auf ihre Sexualität sind und ihre sexuellen Fantasien verwirklichen. Ich kenne diesen Zustand. Es fühlt sich unfair an. Warum sind diese Menschen glücklich mit ihrem Sexleben? Warum können sie zu CSDs gehen und offen miteinander flirten, während ich nicht die Sicherheit habe, das zu tun. Während ich zu viel Angst vor Ablehnug und Ausgrenzung von Freunden, Familie, Kollegen habe.
Als Person der Öffentlichkeit (wie z.B. ein Politiker) wird diese Angst nur schlimmer. Wird er abgewählt, wenn er offen schwul ist?

Und dann gibt es noch den Kink-Aspekt der Unterwerfung. Schwule Beschimpfungen lösen bei mir häufig ein Gefühl der Unterwerfung aus. Wer nicht über die eigene Sexualität reden kann, wird schwer kein gutes Umfeld für die eigenen Lüste schaffen. Insbesondere unterwürfige Menschen (auch “Sub” genannt), haben eine Tendenz zu missbräuchlichen Beziehungen, weil die Erniedrigung in ihnen sexuelle Reize auslöst.

Wer nicht über die eigene Sexualität redet, kann auch keine Spielpartner*innen für Rollenspiele finden. “Was ist, wenn ich für meinen Wunsch ausgelacht werde? Oder noch schlimmer: mich vor Freunden oder Bekannten als pervers beschimpfen?”
Also wird nicht darüber geredet, sondern es braucht andere Wege, die eigenen Vorlieben zu erreichen. Einer dieser Wege ist Selbst-Hass. Sich selbst verachten für das, was begehrt wird. Und dazu gehört auch die Unterstützung für eine Politik, die das eigene Leben schwerer macht. Aber, dieses “schweres Leben haben” ist auch ein bisschen sexuelle Befriedigung.

Ich kenne József Szájer nicht persönlich. Er ist (noch) kein Kunde von mir. Aber ich kenne dieses Verhalten von mir und ich habe einige Kunden, die sich genauso verhalten.
Für diese Kunden bin ich wahnsinnig glücklich, dass sie den Mut gefunden haben, zu mir zu kommen. Und es füllt mich mit Demut zu sehen, wie sehr sie mir vertrauen. Wie ich es schaffe einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem sie ihre Sexualität ausleben können, wenn sie sonst zu viel Angst davor haben, ihre Vorlieben mit wem anders zu teilen.

Menschen, wie József Szájer, kommt zu mir! Ihr müsst den Sex bezahlen, aber ich oute meine Kundschaft niemals. Und es gibt eine ganze Bandbreite an sexuellen Vorlieben, die gerne mit mir ausgelebt werden können.
Am meisten an meinem Job mag ich es, die sexuellen Vorlieben von Kunden zu erfüllen. Sie glücklich machen. Einen sicheren Rahmen schaffen, in dem sich Kund*innen wohl und öffnen. Viele kommen ängstlich und gehen erleichtert und glücklich.
Und ganz vielleicht sorgen Sexarbeiter*innen so auch für eine etwas inklusivere, freundlichere Politik.