Dennis Deep

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Zwischen Authentizität und Inszenierung.

Sexarbeit ist oft die Inszenierung von Authentizität. Authentizität ist überhaupt ein Begriff, der aus der Inszenierung kommt. Wenn “Schein” und “Sein” möglichst ununterscheidbar sind. Für das Publikum. Für Kund*innen.

Josefa Nereus hat mich vor ein paar Monaten schon zur Arbeitspersona interviewt

So wichtig ich Kampagnen wie #SexWorkerNextDoor finde, die Zeigen, dass SexWorker auch Menschen sind … denn ja, wir sind auch Menschen. Uns geht es mal gut, mal schlecht; wir kaufen genau so im Supermarkt ein und waschen sehr viel Wäsche.

Das zu kommunizieren ist wichtig, denn oft werden wir gänzlich entmenschlicht und nur als Fickmaschinen gesehen.
Ab von der Polemik ist das auch nicht so gänzlich falsch, denn wir bieten eine ziemlich klar definierte Dienstleistung an: Sex.

Eine Anwältin spricht vor Gericht nicht über ihre Wäsche, die noch auf dem Wäschständer hängt oder welchen Kaffee sie morgens am liebsten trinkt. Sie erfüllt eine Rolle - die der Anwälin.
Ein Tanzlehrer ist im Unterricht dafür da, Menschen Tanzen beizubringen. Und eine Programmiererin entwickelt während ihrer Arbeitszeit Software. Sie alle erfüllen Rollen. Das ist ihr Job. Was sie sonst so privat machen, ist für den Job irrelevant.

Sexarbeit ist kein Job wie jeder andere. Er ist ein Job, aber nicht wie jeder andere. Sex ist vor allem ein Akt der Vorstellung. Der Imagination. Der Inszenierung. Ein Schauspiel. Ein Spiel.
Wenn Sex nicht ausschließlich dafür da ist Kinder zu zeugen, geht es um Spaß.
Alle Spiele haben einen Rahmen. Sie brauchen Regeln. Spiele sind dafür da für einige Zeit in eine imaginäre Welt zu verschwinden. Die Realität vergessen zu lassen.

Spielen ist wichtig. Für Kinder, wie für Erwachsene. Es ist wichtig Phantasien zu haben, auszutesten, zu leben und Spaß zu haben. Der restlichen Welt ab und an zu entfliehen.

Wir SexWorker sind genau dafür da. Der Welt ab und an zu entfliehen und in einem weitgehend festen Rahmen zu spielen. Preise, Zeit, Praktiken, Vorlieben, etc. sind meist im Vorfeld geklärt. Der Rahmen ist gesetzt und für die Dauer des Spiels gibt es nur das Spiel.

Und ja, Spiele sollen allen Spielenden Spaß machen. Auch uns, die wir für das Spielen bezahlt werden. Es gibt Tage, da macht es nicht so viel Spaß und das ist auch okay. Professionelle Fußballspieler*innen haben auch nicht 24/7 Spaß an ihrem Job. Da gehören auch immer wieder Niederlagen und sehr hartes Training zu. Und Fußball ist auch ein Spiel.

#SexWorkerNextDoor macht zwei Dinge zeitgleich: es verdeutlicht, dass wir SexWorker auch Menschen sind. Dass wir nicht nur Darsteller*innen von Sexphantasien sind, sondern auch Menschen. Dass hinter den geilen Sessions auch langweiliges Leben herrscht. Wäsche waschen und Einkaufen. Wir sind eben auch Menschen.
Aber #SexWorkerNextDoor macht aus dem “Mensch hinter dem SexWorker” selbst auch eine Inszenierung. Denn wenn es ein Publikum gibt, ist es immer eine Inszenierung.
Das Publikum macht es zur Inszenierung, ob es gewollt wird oder nicht.

#SexWorkerNextDoor ist selbst also auch die Inszenierung als “Mensch” hinter der Sexarbeit. Das wiederum ist auch ein Fetisch. Möglichst “normale” Phantasien zu haben. Und genau darin wiederum liegt auch ein Problem, denn #SexWorkerNextDoor macht auch, dass wir Sexarbeitende so “normal” werden, dass wir uns über einen netten Chat mit den Nachbarn freuen. Wie im Hausflur mit den Nachbarn erzählen.
Wenn #SexWorkerNextDoor aber die Inszenierung ist - sprich, ein Publikum hat - gibt es viele Menschen, die genau das wollen. Denn offensichtlich sind unsere Leben total interessant, einfach nur, weil wir diesen Job haben.
Wir werden spannend, weil der Job, dem wir nachgehen, spannend ist. Dieses spannend sein ist genau unser Job. Diese Phantasie, die wir damit anregen ist, was unseren Job ausmacht.
Wer daran teilhaben will, muss Teil des Jobs werden. Kund*innen können Sessions in unserem “normalen” Leben buchen. Aber sie können nicht in unser wirklich normales Leben, denn wir müssen zwischen Arbeitspersona und privat unterscheiden können. Wie Schauspieler*innen auf der Bühne und zuhause auch unterschiedlich sind.
Wer Schauspieler*innen mal auf einer Party mal nach ihren Auftritten fragt, weiß, wie genervt sie davon sind. Sie spielen gerne auf Bühnen, aber manchmal wollen sie auch einfach auf einer Party sein und nicht performen. Sich nicht selbst inszenieren.
Wer uns Sexarbeitende über #SexWorkerNextDoor anschreibt, weil wir ja so normal und nahbar sind, überschreitet eine Grenze, die wir mit #SexWorkerNextDoor ein Stück weit selbst eingerissen haben.

Ja, wir sind Menschen und außerhalb von Sessions ist unser Leben meistens beeindruckend normal, wenn nicht gar banal. Aber die Inszenierung ist Teil unseres Jobs. Und es ist ein Trungschluss, dass wir mit ganz ganz vielen Menschen befreundet sein wollen.
Wer eine Session mit uns haben möchte, muss die buchen und bezahlen. So wie jeder Anwalt genervt ist, der auf einer Party mal eben juristische Expertise zu einem Fall (natürlich unbezahlt!) geben soll, so sind wir es, die wir ständig Sexanfragen bekommen von Menschen, die was ganz „normales“ wollen. Und natürlich auch gerne mit uns befreundet wären und da geht es doch auf‘s Haus, nicht?!
Ja, wir sind normale Menschen und nein, ihr bekommt keinen Blowjob für lau. Das ist nämlich mein Job und dafür werde ich bezahlt. Und wer neue Freunde sucht, möge sich neue Freunde suchen, aber keine Sexarbeitenden damit belästigen.

(Auch dieser erklärende Blogpost ist Teil der Inszenierung. Egal, ob ich das will oder nicht. Das Publikum erschafft die Inszenierung, nicht ich. Ihr, die ihr diesen Blogpost lest, macht ihn zur Inszenierung von mir. Von meiner Kunstfigur Dennis Deep. Der - wie die Privatperson hinter Dennis Deep - Kulturwissenschaften studiert und sich viel mit Phänomenen wie Inszenierung und Schauspiel beschäftigt.)